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Schöne, neue Welt

  • 16.09.2021

Corona sei Dank haben wir sie. Die Welt der Digitalisierung. Die Welt des Home-Office. Die Welt der Online-Meetings. Die Welt einer wunderbaren, neuen Sprache. Betrachten wir das ganze einmal nüchtern: Vor „C“ sind wir für Besprechungen (Meetings) von vielleicht 90 Minuten stundenlang mit dem Zug durch die Republik gefahren, oder gar geflogen.

Und nach „C“? Wir bleiben im Home-Office (zu Hause zwischen schreienden Kindern und bellenden Hunden), setzen unser Headset (Kopfhörer mit Mikrofon) auf, starten Teams (oder ein anderes Programm) und gehen virtuell in einen Call (also eine Online-Besprechung). Dafür müssen wir uns noch nicht einmal umziehen. Ein Hemd, oft sogar ein halbwegs sauberer Pullover, reicht da völlig aus. Die Jogginghose sieht man im Bild der Webcam (Computer-Kamera) ohnehin nicht.

Und das funktioniert, denn wir arbeiten in Unternehmen, die sich der organisationalen Ambidextrie verschreiben haben (das Unternehmen soll also gleichzeitig effizient und flexibel arbeiten).

Ganz wie bei persönlichen Besprechungen gibt es zunächst einen „Check-in“. Doch statt belegten Brötchen und Smalltalk am Buffet prüfen wir die technischen Eingabegeräte (Headset und Webcam), ehe wir den virtuellen Raum betreten. Statt Händeschütteln hören wir aus allen Ecken Sätze wir die neue Standard-begrüßung „Können Sie mich hören?“, dich gefolgt von „Können Sie mich sehen?“ und „Verfluchte EDV!“.

Und jetzt bin ich hier, in meinem Call. Kollege Müller denkt offenbar nicht daran, dass seine Kamera aktiv ist. Und so bekommen wir – als er aufsteht, um sich noch einen Kaffee zu holen - einen wunderbaren Ausblick auf seine hellgraue Jogginghose. Und wir hoffen inständig, dass das dort, auf der Hose, wirklich ein Nutella-Fleck ist. Derweil offenbart uns Kollegin Schulze einen tiefen Einblick in ihren aktuellen Zahnstatus. Während sie herzhaft gähnt. Azubi Meier, übrigens der einzige ohne technische Probleme, bohrt derweil gedankenverloren tief in seinen Nasenlöchern nach Rohöl, wie es scheint, ohne dass jemand die Chance hat, ihn unter dem Tisch kurz anzustupsen.

Die meisten Kollegen benutzen Hintergrundfilter, um keinen Einblick in das bei ihnen vorherrschende Chaos zu ermöglichen. Beliebt ist das Modell „verwaschener Hintergrund“, doch vor allem innovative und flippige Führungskräfte, setzten gerne auf die Variante „Muppet-Show“. Familienmenschen zeigen meist Impressionen ihres letzten Spaziergangs mit den Lieben und die Beamtentypen projizieren sich das Firmenlogo in den Background. Allen gemein ist jedoch der Verlust der Haarpracht. Lediglich Kollegen wie ich, die da nichts zu verlieren haben, macht das nicht zum Affen. Andererseits: Mit Headset sieht eigentlich jeder aus, wie ein Troll.

Zu Beginn des Calls herrscht kollektive Anarchie. Jeder redet mit jedem, verstehen kann man niemand. Außer Kollege Schmidt, welcher wegen schlechten Internets nur zeitverzögert und mit metallisch-abgehackten Untertönen durchkommt. Schließlich ruft die Moderatorin zur Mikrofon-Hygiene auf und alle schalten sich stumm. Bis auf diesen einen Kollegen, der sich in jedem Cass findet. Dass wir von nun an alle mitbekommen, was Kinder, Frau und Hund zu ihm sagen ist ebenso spannend, wie das Tippgeräusch seiner Tastatur und das Klingeln des Postboten.

Natürlich hat irgendjemand eine PowerPoint vorbereitet, die die Moderatorin nur startet. Warum das allerdings nie der Vortragende selbst macht, bleibt ein ewiges Rätsel. „Eine Folie weiter bitte“, ist von nun an der beherrschende Satz.

Die Dauer der Präsentation ist davon abhängig, ob mit diesem Meeting ein „Deep Dive“ (Verzetteln in Details) oder ein „High Flight“ (nichtssagender Überblick) beabsichtigt ist. In letzterem Fall fällt häufig der Satz „Das werden wir dann in einem Deep Dive zum Zweck der Resilienzanpassung noch näher evaluieren“ (Wir gehen dann noch ins Detail, damit Sie sich darauf einstellen können).

„Natürlich müssen wir dem New Normal proaktiv begegnen und agil handeln“, wirft Kollege Müller ein und ich frage mich, ob er seinen Nutella-Fleck meint.

Irgendwann ist die PowerPoint durch und mit dem Satz „Gibt es noch Fragen?“, werden die nächsten beiden Phasen eingeleitet.

In Phase-1-nach-PowerPoint stellt der Kollege mit dem angeschalteten Mikrofon Fragen, die schon mehrfach beantwortet wurden, während er mit dem Postboten diskutierte oder auf seiner Tatstatur herumhackte. Das ist die Phase der inoffiziellen Kaffeepause, wie man an den zunehmend leeren Hintergrundfiltern bemerkt.

Nachdem alle mit frisch gefüllten Kaffeetassen und Kekse kauend zurück an ihre Plätze gekommen sind, beginnt Phase-2-nach-PowerPoint: Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem! Die Phase wird eingeleitete von einer Kollegin mit Firmenlogo-Hintergrund und beginnt mit dem Satz: „Habe ich es richtig verstanden, dass Sie sagten …“.

Nahezu zeitgleich nimmt der Chat Fahrt auf. Wurden er bisher meist nur dazu verwendet, auf technische Probleme hinzuweisen oder darauf, dass man in eine andere Besprechung wechselt („Sorry, ich muss in den nächsten Call!“), folgen nun lustige Emojis (diese kleinen Piktogramme, die man auch in WhatsApp & Co. so gerne verwendet), Urlaubsfotos und vermeintlich witzige Kommentare.

Sobald Phase-2-nach-PowerPoint sich in ihrem Ende zuneigt und alles auch von beinahe jedem wiederholt wurde, beginnt die Schleim-Phase. „Tolle Präsentation! Danke!“ / „Super, das hat mich einen riesigen Schritt nach vorne gebracht!“ / „Gratulation zu dem gelungenen Call“ / „Das müssen wir jetzt ganz schnell auf die Straße bringen“ / „Danke! Super Job!“, sind dabei nur ein paar der Floskeln, die jetzt durch den Chat donnern.

Das Meeting neigt sich – natürlich 15 Minuten später als geplant – dem Ende zu. Während alle „Ciao“ ins Mikrophon brüllen und in die Kamera winken, erklärt die Moderatorin ungehört, wo die PowerPoint zum Download bereitsteht.

Alle sind weg. Nur der Typ mit dem eingeschalteten Mikrofon ist noch da und schnarcht.

Ich gehe in den nächsten Call.

Max Cooper

Schreibe. Du kannst sie nicht alle töten!

www.maxcooper.de